Eigentlich ist er ein wenig verpönt, der Balkon als Standort für den Hobbyastronomen. Zu viel Lichtverschmutzung, grottenschlechtes (Gebäude-)Seeing, eng begrenzter Himmelsausschnitt, einfach nur was für Faule, denen der Weg in die Natur zu aufwändig ist. Gleiches gilt auch oft genug für den Hof oder die Terrasse.

Andererseits ist der Weg in die Natur, zum dunklen Himmel, manchmal ganz schön weit und je nach Equipment nur mit dem Auto zu bewältigen. Das kostet, von der Planung bis zur Durchführung, viel mehr Zeit die oft nicht unbegrenzt zur Verfügung steht.

Darüber hinaus gibt es mit der Tagesbeobachtung der Sonne, aber auch mit der Beobachtung des Mondes und der Planeten, hier insbesondere Saturn, Jupiter und Mars, lohnende Beobachtungsziele die nicht zwingend dunklen Himmel erfordern. Es ist sogar eine altbekannte Tatsache, dass sich Planetenbeobachtung in der Dämmerung als sehr lohnend erweisen kann. Je nach dem gehen bei Neumond sicher auch noch die hellsten Deepsky Objekte, z.B. Sternhaufen und Doppelsterne oder gar die großen Nebel mit Nebelfilter, wenn man sich mit einem Beobachtungstuch gegen direktes Störlicht abschirmt. Hier wäre also nur das schlechte Seeing am Gebäude und innerhalb der Bebauung als wirkliche Einschränkung gegenüber der dunklen Wiese abseits von Straßen und Häusern zu sehen.

Nehmen wir mal meinen Standort auf dem Balkon als Beispiel und schicken voraus, dass ich dort mit meinem 6-Zöller neben Beobachtungen der Sonne im Weißlicht bei 90-130fach auch regelmäßig Mond- und Planetenbeobachtungen bei bis zu 250facher Vergrößerung durchführe - und ich bin wahrlich kein Freund von wabernden, unscharfen Übervergrößerungen.

  

 

Ich zeichne sogar dort am Dobson, da geht also was, aber wie!?

Zunächst muss das Teleskop selbst, also auch ein kleiner 6 Zoll f/5 Newton/Dobson, rechtzeitig raus an die Luft, um sich dort mal mindestens eine halbe Stunde den herrschenden Temperaturen anzupassen. Diese Anpassung und eine Innenvelourierung des Tubus sowie eine Belüftung und eine Taukappe reichen schon aus, um das Tubusseing in einem 6-8 Zoll Volltubus, sowie das durch den Beobachter selbst verursache Seeing direkt am Teleskop, für höhere Vergrößerungen ausreichend, zu minimieren. Ich selbst gehe mit der Optimierung meiner Teleskope sehr weit und das bringt natürlich nochmal Gewinn: Zwingend erforderlich ist das aber nicht. Im Beitrag zu meinem Equipment habe ich solche Maßnahmen unter Teleskope dargestellt und begründet. Zum Abschluss gibt es dort den kompletten Baubericht zu einem durchoptimierten 8 Zoll f/5 Newton.

Da wir schon beim Seeing sind, machen wir mal mit dem Gebäude an sich weiter. Der Rolladen von dem bodentiefen großen Fester ist halb herunter gelassen und man sieht, dass der Balkon quasi die Decke eines voll verglasten Erkervorbaus ist. Trotz halbwegs moderner Doppelverglasung ist es im Winter, wenn das Haus geheizt wird, zwingend erforderlich, die Rolläden der geschlossenen Fenster unter dem Balkon herunter zu lassen. Nur dann komme ich darüber auf höhere Vergrößerungen. Auch im Sommer ist es im Zweifelsfall besser, die Rolläden zu schließen. Ein laues Lüftchen oder etwas Wind sind ebenfalls vorteilhaft, es können sich dann keine oder zumindest weniger Grenzschichten unterschiedlicher Temperatur am Gebäude halten. Natürlich werden auch die Türen zum Balkon geschlossen.

Allerdings bleibt zur Mond- oder Planetenbeobachtung die indirekte Beleuchtung hinter den Giebelfenstern eingeschaltet, weil Dunkeladaption sich dabei als hinderlich erweist. Gerade bei Beobachtungen von hellen, flächigen Objekten mit mehr als 1 mm Austrittspupille kommt es mit dunkeladaptierten Augen sehr leicht zu störender Blendung und Überstrahlung. Mehr zu dem Thema gibt es auch noch unter AP-Ignoranz und die Folgen. Ganz nebenbei fällt das Zeichnen am Tage oder nachts bei ein wenig Beleuchtung doch sehr viel leichter.

     

Bei meinem Balkon ist die grobe Ausrichtung nach Süden sehr von Vorteil, da dort nahezu alle Objekte der Begierde auf ihrer Bahn den höchsten Stand am Himmel erreichen. Auch das Giebeldach ist von Vorteil, da der Balkon bereits früh am Nachmittag im Schatten liegt und nicht mehr durch direkte Sonneneinwirkung aufgeheizt wird.

Abschließend schadet natürlich auch ein prüfender Blick in die Beobachtungsrichtung, also in den vom Balkon aus zu erreichenden Himmelsausschnitt, nicht. Zunächst geht es aber darum, was da unten drunter ist. Ein riesiger, unbeschatteter, von der Sonne aufgeheizter, asphaltierter Parkplatz macht in der ersten Nachthälfte wenig Freude, genau so wie die Beobachtung durch die heißen Schornsteinabgase benachbarter Gebäude keinen Spass macht. Wieder kann Wind helfen. Zu wenig Wind ändert aber nur die Richtung der Abwärmefahne, z.B. des Kachelofens eines direkten Nachbarn und das Bild bricht, bei der Verfolgung von Jupiter oder Saturn auf seiner Bahn, etwas früher oder später zusammen als bei Windstille. Dann ist halt mal eine Pause von ein/zwei Stunden angesagt oder ich wende mich anderen Objekten zu. 

  

Das Teleskop muss natürlich auf den Balkon passen und der Beobachter dazu. Da hätte ich gerne etwas mehr als die 110 Zentimeter Breite gehabt. Bei diesem Selbstbau Dobson mit 150 mm Öffnung und 739 mm Brennweite, also 6 Zoll f/4,8, hat der Newton Tubus eine Länge von 90 Zentimetern und der ist problemlos händelbar. Übliche 6 Zoll f/5 Newtons haben eine Tubuslänge von 63 cm (Heritage 150 Flextube) bis maximal 80 Zentimetern. Mein 6 Zöller ist so lang, wie ein handelsüblicher 8 Zoll f/5. Ich habe auch schon mit dem 8" f/6 Dobson dort gestanden/gesessen, das ist allerdings eng, das muss man wollen und da geht nicht mehr jede denkbare Beobachtungsrichtung/-Stellung.

Der 6 Zöller ist da oben auf meinem Balkon quasi gesetzt. Ich habe noch einen 114/660er der noch kompakter ist, aber der kommt nur sehr selten, wenn es um größeres Feld geht, raus. Der 150er zeigt einfach mehr. Wenn der Balkon 150 cm breit wäre und keine Terrasse vorhanden wäre, stünde dort mit Sicherheit mindestens ein 10-Zöller. So steht halt der 6-Zöller immer im oberen Stockwerk, in meinem......."Büro"....., sodass er innerhalb von drei Minuten, wie auf den Bildern zu sehen , beobachtungsfertig steht. Gerade bei der Sonnenbeobachtung geht es manchmal um Zeitfenster von 15 bis 30 Minuten in denen sich oft nur mehrfach und minutenweise durch kleinere Wolkenlücken beobachten lässt.

Mit den größeren Teleskopen gehe ich, weil die Zeit zum Rausfahren oft nicht reicht und auch schon mal die Lust dazu fehlt, gerne auf die Terrasse.

Mond, Sonne und Planeten beobachte ich fast ausschließlich von dort und ja, die größere Öffnung lohnt auch am nicht ganz so günstigen Standort, wo man seeingbedingt die sinnvolle Maximalvergrößerung deutlich nicht ausreizen kann.

 

Es ist ein absoluter Trugschluss, dass man mit einem 12-Zöller bei 200fach genau so viel oder wenig sieht wie mit einem 6-Zoller bei 200fach. Das Auflösungsplus und die viel großere Lichtsammelleistung des größeren Teleskops machen sich überdeutlich und sehr positiv bemerkbar.

Auch an Deepsky Objekten sticht am schlechten Standort immer die größere Öffnung. In der dunklen Pampa gibt es noch Gelegenheit zu genialen Weitfeldbeobachtungen von Milchstraßenfeldern zu ausgedehnten Sternhaufen und Nebeln. Da ist große AP bei möglichst großen erreichbarem Gesichtsfeld angesagt. Hier sind kleine Optiken mit kurzer Brennweite im Vorteil. Das fällt an aufgehellten Standorten mit deutlicher Lichtverschmutzung weg. 

Es ist letztlich immer eine Frage, welchen Aufwand man leisten will und kann.

Hobby- und praxisorientiert kann ich nur nochmal betonen, dass ein guter Himmel eine sehr wichtige Voraussetzung für sehr gute Beobachtungen ist. Sehr dunkel muss er aber nur für Deepsky am Limit sein und dafür sollte man jede Chance nutzen und auch eine längere Fahrtstrecke in Kauf nehmen, wenn man denn die Zeit hat und den Aufwand als angemessen empfindet.

Bevor man aber gar nicht mehr zum Beobachten kommt, bietet auch ein Balkon, eine Terrasse, ein Hof oder der kleinste Garten Möglichkeiten, die man sehr gut nutzen kann. Mond und Planeten, auch helle Deepsky Objekte, sind auch unter ~3,5 bis 4,5 Mag Himmel durchaus erreichbar und es gibt noch den Sonderfall der Sonnenbeobachtung mit entsprechenden Schutzfiltern. Auf meiner Terrase und dem Balkon habe ich das Glück, dass im ganzen Ort die Straßenlampen (außer die an Kreuzungen und Durchfahrtstraßen) gegen 23.00 Uhr ausgeschaltet werden. In meiner Straße brennt dann keine der Lampen mehr. Das ist dann, je nach Himmelsdurchsicht-/Transparenz, oder auch einer doch noch am Horiziont dümpelnden Mondsichel, der Unterschied zwischen 4,5 und 5,5 Mag im Zenit. Als seltene Spitzenwert gibt es auch mal, wenn alles passt 5,8 Mag in einer ganz dunklen Ecke, also abseits von Horizontaufhellungen, z.B. vom stets hell erstrahlenden Einkaufszentrum. Wenn da nun gerade ein schwächeres Objekt der Begierde drüber hängt, dann ist das einen Monat später schon ein gutes Stück in Richtung Westen gewandert und kann dann besser beobachtet werden.

Auf der Terrasse stelle ich mich so auf, dass Büsche und ein Baum zwei Straßenlampen notdürftig abschirmen bis sie aus gehen. Danach störte mich genau dort, am besten Platz, bei Deepsky Beobachtungen ein oft beleuchtetes Fenster des Nachbarhauses. Im Gespräch stellte sich heraus, dass es das Küchenfenster ist und das Licht nachts eigentlich nur brennt, wenn es vergessen wird. Im Ergebnis geht das Licht nur noch sehr selten, und dann nur sehr kurz an, wenn ich mit dem Teleskop draußen zu sehen bin. Sie haben auch schon mal ein paar Blicke durchs Teleskop geworfen, ihr Interesse ist gering bis nicht vorhanden, aber sie tun sich nicht weh dabei, mir die Sache durch Ausschalten des Lichts ein wenig zu erleichtern und tun es gerne.

     

Abschließend will ich noch einmal darauf hinweisen, dass auch auf der Terrasse oder dem beengten Balkon möglichst große Öffnung einen unschätzbaren Vorteil bezüglich Lichtsammelleistung und Auflösung bringt. Dies gilt für Mond und Planeten ebenso wie für das was an Deepsky eventuell doch geht.

Ich weiß aus Erfahrung, dass der alte Deepsky-Beobachter-Spruch zutreffend ist, wonach man mit einem 4-Zöller in den Alpen schon mal mehr sieht als mit einem 8-Zöller in der Stadt.

Unausgesprochen vermittelt der Spruch aber auch, was mit dem 4-Zöller aus der Stadt heraus nicht geht, aber mit dem 8-Zöller sehr wohl gehen kann.   

Weitere Hinweise, auch etwas konkretere Überlegungen zur Teleskopwahl, sind auch im Artikel zum Einsterger Teleskopkauf zu finden.