Wer den gestirnten Himmel beobachten will, sei es nun mit oder ohne die Hilfe eines Fernglases oder Teleskops, findet leicht den immer wieder gegebenen Hinweis bestätigt, dass die Aufsuche eines möglichst dunklen Standortes ohne Stör- und Streulichtquellen sehr hilfreich ist. Als Begründung wird dann zutreffend angeführt, dass Lichtsmog äußerst schädlich und eine vollständige Dunkeladaption des Auges sehr nützlich ist.
Wie ist das aber nun mit dieser Dunkeladaption, wie läuft das praktisch ab, was ist zu beachten?


Einigermaßen bekannt ist noch der physiologische Aspekt, dass sich unsere Pupillen abhängig vom Lichteinfall weiten und zusammenziehen können und man hat die für normale, gesunde Augen geltende Formel im Kopf, dass das Maximum der Öffnung bei etwa 7 mm liegt, maximale Detailerkennung bei etwa 1 mm Öffnung erreicht wird und dass sich die Pupille auch noch weiter zusammenziehen kann.
Maximale Pupillenöffnung wird nur bei maximaler Dunkelheit erreicht und diese maximale Öffnung wird dann nachts, bei der Beobachtung auch gebraucht.
Zeitgleich und über einen Zeitraum von bis zu 40 Minuten erfolgt dann noch ein biologisch sehr komplexer Vorgang, den man unwissenschaftlich und hier völlig ausreichend als Bildung und Wirkung von Sehpurpur (Rhodopsin) beschreiben kann. Hier werden Stoffe, die im Auge vorhanden sind, angeregt und umgewandelt, sodass Rezeptoren im Auge, die für das Sehen im Dunkeln zuständig sind, empfindlicher werden.
Mehr ist es eigentlich nicht, erwähnt werden muss nur noch, dass dieser Prozess durch Einfall von hellem Licht schon in recht geringer Dosis verzögert, unterbrochen, ja sogar unterbunden, bzw. auf einen Schlag wieder zerstört werden kann. Man muss dann quasi bei Null wieder anfangen.
Als Grenze für den Prozess nicht störendes Rotlicht wird eine Wellenlängenuntergrenze von 600 nm angegeben.



Allen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Studien und Versuchen ist zu Eigen, dass sie nicht auf unseren Spezialfall, die Beobachtung des Nachthimmels, eingehen. Wir leben hier mit unserem Wissen quasi von Abfallprodukten der Forschung und von Untersuchungen, z.B. für Piloten oder Soldaten.
Wer sich über die theoretische Seite weiter informieren will kann bei Wikipedia ansetzen und tiefer einsteigen.
Hinzu kommen Erfahrungsberichte von Hobbyastronomen, die sich hier und da finden.


Hier wird durchgängig empfohlen, jegliches Weißlicht zu meiden und auf schwache Rotlichtquellen zurückzugreifen, wenn es z.B. darum geht, Einstellungen an Montierungen vorzunehmen oder Sternkarten zu lesen.
Dies ist auch eigene und bisher nicht näher hinterfragte Erfahrung, der ich dann aber doch Mal näher nachgegangen bin, weil eben die auf Treffen und Plätzen anzutreffenden roten Beleuchtungen nicht nur von mir als störend oder auch untauglich empfunden werden.
Mal fühlt man sich bei starken Kopflampen mit Rotlicht wie im Flutlicht eines zweifelhaften Etablissements stehend, mal reicht die eigens angeschaffte oder präparierte Rotlichtlampe nicht aus, Kartenbezeichnungen von Objekten zu erkennen.



Aus langjähriger Erfahrung und einzelnen konkreten praktischen Überprüfungen kann ich ableiten, dass die Dunkeladaption fließend einsetzt und dass es durchaus verschiedene Niveaus gibt, auf denen man auch stehen bleiben kann.
Es ist durchaus möglich, unter diffusen Störlichtbedingungen, also z.B. unter Einfluss von entfernt stehenden oder nicht völlig abgeschirmten Straßenlampen oder von beleuchteten Fenstern in der Nachbarschaft, eine Teiladaption zu erreichen. Nur der direkte Blick in eine starke Lichtquelle, wie z.B. einen Autoscheinwerfer, eine Weißlichttaschenlampe oder auch der Blick auf den Mond mit dem Teleskop fährt die Adaption komplett auf Null zurück und kann sogar zu länger anhaltender Blendung führen.
Für die Praxis bedeutet das, dass auch die Aufsuche eines geringfügig besseren Standorts zur Beobachtung durchaus lohnt. Es ist hilfreich, wenn die Straßenlampe anstatt 50 Meter 150 Meter entfernt steht und man sollte den direkten Blick darauf vermeiden. Wenn man sie im Augenwinkel wahrnimmt ist das deutlich weniger schlimm. Die Teildunkeladaption kann so gesteigert werden. Die beste Anzeige hierfür ist die Wahrnehmung einer Steigerung der freuäugig wahrnehmbaren Sterngrenzgröße und wenn es sich nur um 0,1 oder 0,2 Mag handelt. Da hat sich nicht die grundsätzliche Himmelqualität geändert, sondern die Adaption der Augen verbessert.
Wichtig ist unter solchen Bedingungen auch, dass man ein Deepsky Objekt länger betrachtet. Allein der längere und konzentrierte Blick ins Okular, sinnvoller Weise noch gut durch eine Augenmuschel gegen Fremdlichteinfall geschützt, führt zu einer Steigerung der Adaption wenn das zweite Auge ebenfalls kein oder weniger Störlicht empfängt. Ob man dabei das zweite Auge schließt, eine Augeklappe bevorzugt oder gegen einen dunklen Teleskoptubus ins Leere schaut(eine für Detailerkennung unübertroffene Technik, wenn man sie beherrscht) ist den persönlichen Vorlieben überlassen. Auch ein Beobachtungstuch, unter das man sich verkriecht ist hier ebenfalls von unschätzbarem Wert und ermöglicht auch unter 4,5 Mag Himmel, auf dem lichtverseuchten Balkon vollständige Adaption und 7 mm AP. Das ist durchaus sinnvoll, wenn man ein Objekt so hoch vergrößern kann, dass sich allein dadurch ein guter Kontrast zwischen Himmelsgrund und Objekt einstellt oder mit voller AP Nebelfilter nutzt.
Unter allen Umständen empfiehlt sich also eine längere Beobachtung des Objekts und auch Variationen von Vergrößerung und AP. Wer hier jagt, abschießt und weiterjagt bleibt ganz erheblich unter seinen eigenen Möglichkeiten. 30 Objekte pro Beobachtungsabend (-nacht) beweisen eventuell, dass ein GoTo leidlich funktioniert, mir beweist das eher, dass der Beobachter wenig gesehen hat.

Spätestens wenn man eine gute Karte nicht mehr im Dunkeln lesen kann, ist man teilweise dunkeladaptiert und sollte zum Lesen ‚Rotlicht verwenden. Auch schwaches Weißlicht oder das noch manchmal empfohlene grüne Licht bremst die Dunkeladaption aus.
Das rote Licht sollte gerichtet abstrahlen, also nur die Karte beleuchten, auch hier gilt es den direkten Blick in die Lichtquelle zu vermeiden. Ich habe erfahren, dass rote Stirnlampen in die man direkt blickt blenden, auch wenn ich danach nur wenige Minuten brauche, um den vorher vorhandenen Adaptionsgrad zu erreichen. Die Zeitdauer ist direkt abhängig vom vorherigen Adaptionsgrad, bleibt aber im Bereich von maximal 10 Minuten, während ein Blick durchs Teleskop auf den Format füllenden Viertelmond mit 5 Minuten anhaltenden Geisterbildern und bis zu 40 Minuten Adaptionszeit bestraft wird.
Nicht ganz so wesentlich bei Teiladaption ist nach meinen Versuchen die strikte Einhaltung der Lichtfarbenuntergrenze von 600 nm (Rot), auch ein helleres, zum Kartenlesen brauchbares Rot führt bei geringer oder mäßiger Teiladaption nicht zu den Einbußen, die ich allerdings bei voller Dunkeladaption damit eindeutig hatte.

Wichtig für die Praxis ist die Feststellung, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem erreichten Grad der Dunkeladaption und der Art der Störung durch Licht gibt. Je besser man adaptiert ist, umso geringere Lichtreize reichen für eine negative Wirkung aus und umso länger dauert es, bis nach der Störung die Adaption wieder hergestellt ist. Helles und/oder starkes Rotlicht ist hier viel weniger störend als andere Lichtfarben, aber eben auch störend. Weißlichtstörungen sind immer sehr problematisch.

Empfehlungen:
-Der direkte Blick in Weißlichtquellen ist in jedem Fall zu vermeiden, der diffuse Lichtschein stört immer noch genug und jeder Meter Abstand, jeder Strauch zwischen Lichtquelle und Beobachtungsplatz ist hilfreich. Man kann aus ungünstigen Bedingungen noch was herausholen und sollte sie durchaus nutzen, bevor man gar nicht zum Beobachten kommt.
- Nicht nur auf Beobachtungsplätzen und Treffen sollte man mit starken Rotlichtlampen, wie z.B. Kopflampen sparsam und bewusst umgehen. Diese Lampen erlauben in der Regel ein Abkippen, sodass die Leuchtmittel zum Boden hin abstrahlen und den Lichtkegel dort ausbreiten, wo er eigentlich auch gebraucht wird. Das stört Mitbeobachter, zumindest in ihrer Adaption, absolut nicht.
-Je dunkler der Beobachtungsplatz umso besser die Adaption und umso sorgsamer sollte man darauf achten, sie sich zu erhalten.
Ich habe einen sehr guten Beobachtungsplatz wo es manchmal vorkommt, dass in südlicher Richtung, in gut einem Kilometer Abstand, ein Auto mit Fernlicht auf einer Landstraße vorbeifährt. Man hört die Fahrzeuge und sieht kurz darauf den Streulichtkegel in der Landschaft auftauchen. Für die nächsten Sekunden schließe ich die Augen und erhalte mir so die volle Adaption. Das Verfahren funktioniert auch, wenn Beobachtungskollegen mit ihren Autos den Platz vor mir verlassen.
-Manchmal ist es unumgänglich, mit ungeeignetem Licht umzugehen und dann schadet es nicht, Mitbeobachter zu warnen. Augen zu und durch ist dann die Devise.
-Handys, I-Phones, Laptops, jedes mir bisher untergekommene Display solcher Geräte, auch solche im Nachtmodus sind zu hell und stören die Dunkeladaption nachhaltig. Wer damit umgehen muss sollte das wissen und wer es nicht zwingend muss, sollte solche Geräte meiden.
-Dunkeladaption und die Sehleistung im adaptierten Zustand kann man, wie jede Körperfunktion auch durch Fitness begünstigen. Alkohol, auch in geringen Mengen ist schädlich. Im Selbstversuch reichte mir eine Flasche Bier zu einer deutlichen Einschränkung der Detailwahrnehmung völlig aus und ich bin ansonsten kein Kostverächter, trinke gerne mein Bier. Gesunde Ernährung (Vitaminversorgung), Verzicht auf das Rauchen(kein Selbstversuch), ausgeruhte Augen und eine entspannte Herangehensweise ist sehr förderlich.

Meine oft geübte Praxis, gerade zum Herunterfahren und zum Ausgleich für Alltagsstress, das Teleskop für ein Stündchen oder Zwei auf die Terrasse zu stellen, steht diesen Erkenntnissen in keiner Weise entgegen. Hier wird dann mit Genuss beobachtet was geht und eben nicht auf das Ausquetschen von Objekten am Limit abgehoben.

Bei der Planetenbeobachtung hat sich für mich sogar herausgestellt, dass eine diffuse Hintergrundhelligkeit ohne Blendung, also der bewusste Verzicht auf Dunkeladaption, sehr gute und detailreiche Beobachtungen ermöglicht, weil dem Objekt selbst so die Blendwirkung fehlt und auf Hilfsmittel wie Graufilter oder variable Polfilter im Idealfall verzichtet werden kann.

Ich führe unterschiedliche Bewertungen von Objekten, aber auch von Okularen oder Filtern, ja sogar von Teleskopen nicht nur auf unterschiedliche individuelle Vorlieben, unterschiedliche Maßstäbe und biologische Voraussetzungen des menschlichen Visus zurück, sondern zu einem guten Teil auch auf unterschiedlichen Umgang mit der Dunkeladaption und die daraus resultierenden Konsequenzen.
Vor ein kritisches Urteil zu diesen Dingen wäre eventuell ein kritischer Blick auf die eigenen, diesbezüglichen Gewohnheiten und ein entsprechender Optimierungsversuch zu setzen.

Der Spruch, dass „astronomisches Sehen gelernt sein will“ bekommt genau hier den ersten wahren Kern.